Perspectives impaires Gitarre Buch
von Atanas Ourkouzounov

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Perspectives impaires Gitarre Buch
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Informationen zu "Perspectives impaires Gitarre Buch"

Komponist/Autor: Atanas Ourkouzounov
Schwierigkeitsgrad: schwer
Epoche: 20./21. Jahrhundert
Verlag: Les Éditions Doberman-Yppan
Verlagsnummer: DO841
EAN: 9990901123483
ISBN: 978-2-89503-616-6

Beschreibung

Als Reaktion auf die serielle Hegemonie, die in den Jahrzehnten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg einen Großteil der musikalischen Kunstwelt durchdrang, entstanden zwangsläufig neue Musikbewegungen. Die Aleatorik hatte bereits eine starke Alternative zum Ultranationalismus der damaligen Zeit geboten, aber in den 1960er Jahren schlossen sich auch Minimalismus, Neoromantik, Third-Stream und andere Musikrichtungen der Opposition an. Gleichzeitig blieben viele Komponisten einer posttonalen Sprache der Moderne verpflichtet, gaben aber einige oder alle seriellen Strengungen auf. In Ermangelung der strukturellen und vereinheitlichenden Kraft des Serialismus gewann die freie Atonalität, wie sie vor allem von Schönberg und seinem Kreis in den Jahren 1908-1923 entwickelt wurde, eine neue Bedeutung. Ihre Verfahren prägen auch die heutige Arbeit in diesem Idiom. “Perspectives impaires” für Gitarre solo des Bulgaren Atanas Ourk­ouzounov (geb. 1970) steht ganz in dieser neo-atonalen Tradition. Das Werk weist eine Reihe von Merkmalen auf, die seine Anlehnung an die Atonalität des Ersten Weltkriegs unterstreichen. Eines davon ist die Kürze, die in den sieben kurzen Sätzen zum Ausdruck kommt: I. Capriccioso; II. Allegro ritmico; III. Poco rubato; IV. Allegro; V. Largo, poco rubato; VI. Vivo, nervosa; VII. Rezitativo, rubato. Weitere Parallelen sind im gesamten Werk zu finden, aber die folgende Diskussion konzentriert sich nur auf den ersten Satz. Capriccioso beginnt mit der Präsentation aller zwölf Tonhöhenklassen innerhalb der ersten Phrase (T. 1-3). Diese Technik der chromatischen Sättigung ist zwar auch in der späten tonalen Musik zu beobachten, kennzeichnete aber einen Großteil der frühen atonalen Literatur. Nachdem sich die gesamte chromatische Skala entfaltet hat, wiederholt sich der Prozess für mehrere weitere Zyklen. Dies ist sowohl im Schönbergschen Repertoire als auch im vorliegenden Stück der Fall. Innerhalb jedes Zyklus kehren einige Tonhöhenklassen wieder, und zwischen den Zyklen ändert sich ihre Reihenfolge, wodurch sie sich von der Reihentechnik unterscheiden. Der Tonhöheninhalt wird durch die Präsentation von Motiven und längeren Themen organisiert, die wiederholt oder entwickelt werden und sich sowohl in horizontalen als auch in vertikalen Anordnungen manifestieren. So wird beispielsweise der eröffnende Trichord F-E-E-Fl - zwei übereinanderliegende große Septimen - im nächsten Takt auf zwei Halbtöne verdichtet und transponiert, um die stufenweise Figur Cis-C-B zu erzeugen. Durch weitere Manipulationen entsteht ein zweites symmetrisches Motiv, C-B-A-fl-G, das in verschiedenen transponierten und permutierten Formen als zentrales Bezugselement dient. Mit solchen Methoden verwirklicht Ourkouzounov eines der vorherrschenden Ideale der meisten atonalen Kompositionen: die Integration der melodischen und harmonischen Ebene. Am Ende von Capriccioso kehrt der Komponist zu seinem Eröffnungsthema zurück, vertikalisiert dessen frühere lineare Elemente und lässt darauf sein zweites Hauptthema (aus den Takten 8-9) folgen, wobei letzteres dreimal exakt wiederholt und ein letzter Reim variiert wird. Die wortwörtliche Wiederholung zur Abrundung eines Stücks war in der früheren atonalen Praxis selten, aber das übergreifende ternäre Schema von A-B-A’, bei dem die äußeren Abschnitte als Exposition und Reprise fungieren, während der Mittelteil der Durchführung dient, war üblich. Im Großen und Ganzen ist Perspectives impaires zyklisch, wobei die Hauptmotive des ersten Satzes in den anderen sechs Sätzen wiederkehren. Rhythmisch weicht Ourkouzounovs Komposition deutlich von Schönbergs früher Wiener Schule ab und weist auf andere Einflüsse hin. Ein unregelmäßiges Metrum, das sich zwischen allen Werten von 4/8 bis 13/8 bewegt, bestimmt den Rhythmus der schnelleren Sätze, stabilisiert durch den unveränderlichen Achtel-Noten-Nenner der Taktarten. Eines der fesselndsten Merkmale dieser Up-Tempo-Sätze liegt in der Art und Weise, wie mensural unvorhersehbare Taktgruppierungen der gleichmäßigen zugrunde liegenden Maßeinheit entgegenwirken. Rubato-Sätze sind ohne Taktarten oder Taktstriche geschrieben und wechseln sich mit ihren lebhafteren Gegenstücken ab, um ein Spektrum von Stimmungen zu vermitteln. Bis auf einen Satz sind alle Sätze von Perspectives impaires poly­phonisch konzipiert. Von ihnen ist Capriccioso der komplizierteste. Passenderweise setzt Ourkouzounov hier mehr Harmonien ein als anderswo. Diese leichten, kristallinen Töne bilden ein Gegengewicht zu der inhärenten Dichte einer mehrteiligen, chromatisch gesättigten Textur wie dieser. Sinusoïdalfarben wurden in ähnlicher Weise von den Wiener Atonalisten verwendet. Interessanterweise kamen in Schönbergs letztem freien atonalen Werk, der Serenade op. 24 (1923), Gitarre und Mandoline zum Einsatz, die ähnliche Klangfarben wie Harfe und Celesta in früheren Werken lieferten. (Webern verwendete die Gitarre auch in seinen Drei Liedern, op. 18 von 1925, nachdem er sich dem Serialismus zugewandt hatte). Die Serenade verbindet die Gitarre also direkt mit der frühen Atonalität und ihren Klangidealen. In unserer heutigen Zeit der vielfältigen und fragmentierten Kultur bleibt diese jahrhundertealte Ästhetik eine starke Strömung des kreativen Ausdrucks. Werke wie Perspective impaires sichern der Gitarre ihren Platz im Diskurs.
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