Informationen zu "Veremonda, l’amazzone di Aragona"
Komponist/Autor: Francesco Cavalli
Verlag: Bärenreiter
Verlagsnummer: BA 8909-01
EAN: 9790006556694
Beschreibung
Francesco Cavallis „Veremonda, l’amazzone di Aragona“ (Venedig, 1652) zählt zu den originellsten und provokantesten Bühnenwerken des Komponisten. Als seltenes frühes Beispiel einer Oper, die explizit den damaligen Konflikt zwischen Christen und Muslimen thematisiert, behandelt sie zudem die komplexen Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und der Republik Venedig sowie allgemeine Vorstellungen von Rasse und Religion – Themen, die im Mittelmeerraum des 17. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung waren. „Veremonda“ ist darüber hinaus die einzige Oper Cavallis, für die Ort und Datum der Uraufführung nicht genau bestimmt werden können (wahrscheinlich Januar 1652 in Venedig). Zwei dokumentierte Aufführungen in Neapel im Dezember desselben Jahres führten lange Zeit zur (falschen) Annahme, die Oper sei dort uraufgeführt worden. Eine eingehende Untersuchung des Autographs und der erhaltenen Libretti korrigiert solche Fehlannahmen, bietet eine umfassende Studie zu Cavallis Kompositionsprozess und stellt Opernliebhabern sowie Musikerinnen und Musikern eine der besten Partituren des Komponisten in einer wissenschaftlich fundierten Edition vor. Die Handlung ist teilweise inspiriert von der spanisch-christlichen Expansion auf der Iberischen Halbinsel unter Ferdinand und Isabella im Jahr 1492. In erster Linie jedoch basiert sie auf Giacinto Cicogninis „Celio“ (Florenz 1646), das vom angesehenen Dichter Giulio Strozzi weiterbearbeitet wurde. Strozzi bereicherte das ursprüngliche Libretto um jene für die venezianische öffentliche Oper typische Mischung aus Ironie, Humor und Geschlechterambiguität. „Veremonda“ erzählt die Geschichte der gleichnamigen spanischen Königin, die gemeinsam mit ihrer Amazonen-Schar einen Kampf gegen die Osmanen auf Gibraltar führt – insbesondere gegen die maurische Königin Zelemina, die schließlich eine Niederlage erleidet. Unterdessen unterhält Delio, Kommandant der spanischen Armee, eine geheime Affäre mit Zelemina und versucht vergeblich, auch Veremonda zu verführen. Als Alfonso, Veremondas Ehemann, Gerüchte über ein Verhältnis zwischen seiner Frau und Delio vernimmt, schließt er sich kurzerhand dem Amazonenheer an. Während eines Festes zu Ehren Mohammeds startet er einen blutigen Überraschungsangriff auf das osmanische Lager. Zelemina gerät in Gefangenschaft und fleht um Gnade – mit dem Versprechen, zum Christentum zu konvertieren, um Delio heiraten zu können. Die ausgelassene Feier wird jäh unterbrochen, als Alfonso und Veremonda durch einen Schrei aufgeschreckt werden: Der Sieg ist noch nicht sicher, und alle stürzen zurück zur Verteidigung der Stadtmauern. Dieses offene Ende spiegelt auf lebendige und realistische Weise die ambivalente Haltung Venedigs gegenüber dem Osmanischen Reich wider. Obwohl das einzige erhaltene Manuskript von „Veremonda“ zu den unübersichtlichsten unter Cavallis Opern zählt – voller Streichungen und Überklebungen (Cavallis schwer lesbare Handschrift korrigiert häufig die Arbeit des Kopisten) –, liefern die in mehreren Eintragungsschichten erhaltenen Kompositionsstadien wertvolle Hinweise auf die Entstehungsgeschichte des Werks. So finden sich die für Neapel vorgenommenen Änderungen ausschließlich in der obersten Schicht; in einem Fall ist sogar erkennbar, dass ein potenziell blasphemischer, in Venedig jedoch akzeptierter Textabschnitt in Neapel zensiert wurde. Dies belegt eindeutig, dass die venezianische Fassung der neapolitanischen vorausgeht. Solch ein musikalisch-archäologisches Vorgehen macht nachvollziehbar, wie geopolitische Interessen und Geschlechterideologien Cavalli und seine Librettisten zu grundlegenden Änderungen an Text und Musik veranlassten. „Veremonda“ entstand auf dem Höhepunkt von Cavallis Schaffen und vereint auf beinahe shakespeareske Weise Pathos, Humor, Gewalt und Sinnlichkeit. Dieses brillante und ausdrucksstarke Werk gewährt dem Publikum einzigartige Einblicke in die Komplexität rassischer und religiöser Konflikte im frühneuzeitlichen Europa – und deren Auswirkungen auf das Operngenre.